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Frische Ideen für ein altes Schloss

GastroGraubünden
Verfasst von

Hotelzimmer fürs Schloss Maienfeld – könnte das funktionieren? Schlossherr Thomas Zindel klopfte mit dieser Frage bei der EHL Hotelfachschule Passugg an. Die Profis von morgen überraschten mit einem überzeugenden Businessplan und aussergewöhnlichen Ideen.

 

 

Hospitality_Insights_EHL_Thomas_Zindel_Schloss_Maienfeld-2Zweieinhalb Meter: So dick ist die 800-jährige Mauer. Sie wirkt elegant in ihrem dunklen Purpur, der Loungetisch schimmert kupfern. In der Ecke erzählt der Kachelofen von warmen Winterabenden, und die alte Standuhr aus Holz neben dem Buffet von längst vergangenen Tagen, als hier noch keine modernen Lampen hingen und keine plüschigen Barsessel standen. «In dieser Bar ist schon mancher ‚verhögglet’», schmunzelt Thomas Zindel, Eigentümer und Ambassador des Schlosses Maienfeld. Vor zwei Jahren, mit dem Wechsel der Pächter, hat er dem Leben hinter den 800-jährigen Mauern ein helles, frisches und elegantes Gesicht gegeben und gleichzeitig die Vergangenheit erhalten: «Aus Respekt vor dem Bau und dem Handwerk der Vorfahren», sagt er, ganz Architekt.

Das historische Flair, elegant gepaart mit modernem Design, gehört hier zum Konzept – es zieht sich vom Bistro im Erdgeschoss über die Lounge beim Eingang bis zum Restaurant, dem Festsaal und der Bar durch. Und bis hinein in die Küche, wo traditionelle Gerichte mit einem «modernen Twist» versehen werden. Das Konzept «Tradition und Moderne unter einem Schlossdach» geht auf, die Philosophie kommt an. Nur ein Wunsch zahlreicher Gäste bleibt unerfüllt: im Schloss auch übernachten zu können.

 

Ein unverhoffter Glücksfall

Der Wunsch der Gäste liess Zindel nicht mehr los, zumal auch die Pächter Interesse zeigten. Die Lust, ein Beherberungsangebot aufzubauen, war da. Raum auf dem Schlossgelände auch. Schlossherr Zindel
zeichnete erst etwa «100 Skizzen», klopfte alsbald spontan bei der EHL Hotelfachschule Passugg an – und rannte offene Türen ein. Denn die Abschlussklassen im letzten Semester verfassen als Königsdisziplin einen Businessplan für Hotelbetriebe.

«Ich wollte die Gäste von morgen um Ideen fragen, nicht gestandene Berater oder Hotelprofis»

Ein unverhoffter Glücksfall für Thomas Zindel: «Ich wollte die Gäste von morgen um Ideen fragen, nicht gestandene Berater oder Hotelprofis, die habe ich selber im Team. Mich interessierte, welches Potenzial junge Leute im Schloss Maienfeld sehen; ich war gespannt auf ihre Perspektive und ihr frisches Denken.» Dassder Businessplan der Hotelfachschule kostenlos war, während man auf dem Markt dafür mehrere tausend Franken aufwerfen muss, sei nicht ausschlaggebend gewesen.

Eines Tages stand die Abschlussklasse aus Passugg im Schlosshof des Weinbaustädtchens, liess sich den Betrieb samt Schlossgarten, Gebäuden und Umgebung zeigen, stellte unzählige Fragen, teilte sich kurz darauf in vier Gruppen auf und machte sich ans Werk. Der Ambassador hatte ihnen eine «Carte blanche» gegeben, ganz bewusst: «Wenn man die Ideenphase von Anfang an einschränkt, schaffen es die spannendsten Ansätze gar nie ans Licht.»

 

Intensive Wochen für beide Seiten

Es folgten intensive Wochen für beide Seiten. Die Studentinnen und Studenten analysierten den Ist-Zustand, den potenziellen Markt, berechneten Belegungszahlen, entwarfen thematische Schwerpunkte. Zindel las, gab Rückmeldungen, vertiefte sich in Kalkulationen. «Diesen Aufwand hatte ich unterschätzt», sagt der Schlossherr heute im Rückblick. Gleichzeitig sei er «richtig beflügelt» gewesen vom Esprit und Elan dieser jungen Menschen. «Durch sie sah ich das Schloss und sein Potzenial mit neuen Augen.»

Zwei Monate dauert die Projektphase, 54 Lektionen stellt die Schule dafür an Präsenzunterricht und Coaching zur Verfügung, der Rest bedeutet Hausarbeit. Gemäss Beatrice Schweighauser, Prorektorin an der EHL Hotelfachschule Passugg, wird dieser Projektbericht im neuen Lehrplan noch stärker gewichtet. Als Abschluss der Projektphase präsentiert jede Gruppe ihren Projektvorschlag, für Thomas Zindel ein Höhepunkt, von dem er bald ein Jahr später noch schwärmt: «Die tiefe Auseinandersetzung der Klasse mit dem Schloss Maienfeld hat mich bewegt», sagt er.

 

Eine Nummer kleiner

Das Beherbergungskonzept des Siegerprojekts schlug vor, im gegenüberliegenden Toggenburgerhaus, das zum Schloss gehört, ein Boutiquehotel zu eröffnen – und aus den aktuell vermieteten Wohnungen 23 Hotelzimmer zu gestalten, gemeinsam mit Schweizer Kunstschaffenden und verknüpt mit einem Kunst- und Kulturangebot. Ein Ansatz, der Zindel auf Anhieb gefiel und der zum kulturaffinen Schlossbetrieb zu 100 Prozent gepasst hätte.

Hätte! Denn trotz überzeugendem Businessplan wird er das Projekt nach reiflicher Überlegung nicht in dieser Form umsetzen: «Wir planen das angedachte Boutiquehotel eine Nummer kleiner: mit acht Zimmern im Haus der ehemaligen Schmiede auf dem Schlossgelände.» Dort, wo auch sein Architekturbüro beherbergt ist. Ohne Businessplan aus Passugg sässe er nicht bereits an der Planung, vermutet der Maienfelder: «Die konkreten Zahlen und die saubere Analyse ermutigten mich, den Wunsch der Gäste nach Hotelbetten jetzt anzugehen.» Das Angebot der Hotelfachschule empfiehlt er jedem Betrieb, allerdings mit einem kleinen Aber: «Man muss während der Projektphase viel Zeit aufbringen.» – Doch was man zurückbekomme, sei unbezahlbar: «Der Austausch mit den Studierenden hat viel ausgelöst und klingt bis heute nach.»

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Businessplan auf dem Silbertablett

Drei Fragen an Beatrice Schweighauser, Prorektorin, EHL Hotelfachschule Passugg:

 

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Wer kann sich bei Ihnen um einen Businessplan bewerben?

Alle Betriebe, die gewillt sind, ihre Zahlen mit den Studierenden zu teilen, sich für die Ausbildung der jungen Berufsleute interessieren sowie diese unterstützen und begleiten möchten. Wir arbeiten mit Gasthäusern in der ganzen Schweiz zusammen, priorisieren aber natürlich Bündner Hotels, da wir den Bildungsstandort
Graubünden stärken möchten.

 

Nach welchen Kriterien wählen Sie einen Betrieb aus?

Nach dem Potenzial, den ein Fall bietet. Wir entscheiden gemeinsam mit dem Dozententeam, welches Projekt besonders interessant und lehrreich für unsere Studierenden sein könnte.

 

Braucht es zusätzliche Beratung zum Businessplan?

Grundsätzlich nicht. In der Regel arbeiten vier Gruppen je ein eigenes Projekt aus – somit erhält der Betrieb vier Konzepte zur Wahl. Doch je nach Bedürfnissen des Hotels kann eine weiterführende Beratung natürlich sinnvoll sein.

Interessierte Betriebe melden sich direkt bei Beatrice Schweighauser.


Dieser Artikel wurde von Franziska Hidber und Natalia Godglück verfasst und von Gastro, dem Fach- und Verbandsmagazin von GastroGraubünden in der Dezember Ausgabe 2022 veröffentlicht.

 
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